Europäischer Green Bond Standard

Wenngleich grüne Anleihen in den vergangenen Jahren attraktiver geworden sind, machen sie nur einen Bruchteil der insgesamt emittierten Anleihen aus. So lag ihr Anteil in der Europäischen Union (EU) im Jahr 2020 bei lediglich 4%. Dies ist nach Ansicht der EU-Kommission vor allem auf das Fehlen einheitlicher Definitionen bzw. Standards für grüne und nachhaltige Investments sowie auf die bestehende Fragmentierung bei den Rechenschaftspflichten und der externen Bewertung zurückzuführen.

Daher hat die EU-Kommission am 16. Juli 2021 die Etablierung eines EU Green Bond Standard (EuGBS) vorgeschlagen, der als höchstes Gütesiegel für grüne Anleihen fungieren soll. Der EuGBS ist freiwilliger Natur, sodass er neben bereits bestehenden Marktstandards (wie den Green Bond Principles der ICMA) Anwendung finden soll. Zentral beim EuGBS ist die Anlehnung an die Taxonomie-Verordnung; nur die

Einhaltung der darin festgelegten Kriterien über grüne Wirtschaftsaktivitäten soll zur Nutzung des EU-Labels berechtigen. Zudem ist der EuGBS mit umfangreichen Berichts- und externen Prüfpflichten versehen.

Am 14. April 2022 gab auch der Rat der EU seinen Entwurf für einen EuGBS bekannt. Verglichen mit dem Vorschlag der EU-Kommission enthält dieser EuGBS praxisgerechte Lösungen, u. a. hinsichtlich des Bestandsschutzes für bereits emittierte grüne Anleihen sowie der externen Überprüfung der Erlösverwendung bei Förderbanken.

Rund einen Monat später, am 16. Mai 2022, wurde auch eine Einigung im federführenden EU-Ausschuss für Wirtschaft und Währung (ECON) des Europaparlaments erzielt. Wie erwartet, hat das Europaparlament einige Anforderungen nachgeschärft. Mit der Annahme des ECON-Beschlusses wurde der Weg für die Aufnahme der Trilogverhandlungen frei gemacht.

Unsere Positionen

Wir stehen dem Vorschlag der EU-Kommission für die Etablierung eines EU Green Bond Standard (EuGBS) grundsätzlich sehr positiv gegenüber. Zugleich würden wir einen zeitnahen Beginn und zügigen Abschluss der Triloggespräche sehr begrüßen.

Wir unterstützen die freiwillige Natur der Regelung. Die Einführung eines verpflichtenden EuGBS würde nach unserer Auffassung eine Flucht in andere Anleiheformen mit weniger stringenten Qualitätskriterien (z. B. „ESG-linked bonds“) auslösen und das angestrebte Ziel der Standardisierung im Bereich der grünen Anleihen unterminieren.

Wir sprechen uns für einen vollumfänglichen Bestandsschutz („full grandfathering“) aus. Investoren müssen sich darauf verlassen können, dass Anleihen, die als grün emittiert wurden, für ihre gesamte Laufzeit und unabhängig von nachträglichen Anpassungen der Taxonomie-Kriterien weiterhin als grün gelten. So kann das Vertrauen in nachhaltige Investments gefördert und Marktverwerfungen können vermieden werden.

Wir halten eine 100%ige Taxonomie-Konformität zu Beginn des EuGBS für unrealistisch. Um die Attraktivität des EuGBS für Anleger gerade in den ersten Jahren zu erhöhen, plädieren wir für einen Schwellenwert von 80 % und eine fünfjährige Übergangsfrist.