Sustainable Finance

Durch eine nachhaltige Ausrichtung der Finanzwirtschaft sollen Kapitalflüsse verstärkt in ökologische und soziale Investitionen geleitet, Nachhaltigkeitsrisiken besser gesteuert sowie Umwelt-, Sozial- und Governance-Erwägungen (ESG) stärker in Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Dies bekräftigt die Europäische Kommission (EU-KOM) auch in ihrer im Juli 2021 veröffentlichten „Renewed“-Sustainable-Finance-Strategie.

Im Fokus steht dabei ein EU-weites Nachhaltigkeitsklassifizierungssystem (Taxonomie). Der Delegierte Rechtsakt (DR) zu den ersten zwei auf das Klima bezogenen Umweltzielen wurde im Dezember 2021 rechtsverbindlich veröffentlicht. Der Entwurf eines DR zu den umstrittensten Wirtschaftsaktivitäten wurde im März 2022 von der EU-KOM erlassen. Sie stuft darin fossiles Gas und Atomkraft unter bestimmten Bedingungen als nachhaltig ein. Die Mitgliedstaaten und das Europäische Parlament beraten in ihrer viermonatigen Prüfperiode dazu. Ebenfalls hat die EU-KOM im Dezember 2021 den DR zur Offenlegung von Taxonomie-Kennzahlen (Art. 8) und anschließend zwei Auslegungsdokumente veröffentlicht. Kreditinstitute geben derzeit ihre Taxonomiefähigkeitsquote an und werden die Green Asset Ratio erstmals zum 31. Dezember 2023 offenlegen.

Die EU-Sustainable-Finance-Plattform (PSF) hat zudem finale Berichte zur Taxonomie-Erweiterung,zur sozialen Taxonomie sowie zur Konkretisierung der verbleibenden vier Umweltziele (Taxo 4) im ersten Quartal 2022 veröffentlicht. Der DR zu Taxo 4 soll bis Ende 2022 veröffentlicht werden. Die EU-KOM wird dem Vernehmen nach die soziale Taxonomie erst in der nächsten Legislaturperiode aufgreifen sowie voraussichtlich Ende 2022 eine freiwillige Leitlinie zur Taxonomie-Erweiterung veröffentlichen.

Die Anforderungen an die Offenlegung von ESG-Faktoren einschließlich deren Integration in den Anlageprozess gelten seit März 2021, jedoch sind noch viele Detailfragen offen. Die EU-Kommission hat im April 2022 aufgrund der Interdependenzen der 13 veröffentlichten Regulierungsstandards (RTS) unter der Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) diese in einem einzelnen Rechtsakt gebündelt. Das Datum für die Anwendung der RTS wurde auf Januar 2023 verschoben. 

Zudem wurde der DR zu MiFID II im August 2021 veröffentlicht. Details hierzu werden im 1. Halbjahr 2022 von der ESMA konsultiert. Um den Markt für „grüne Anleihen“ zu harmonisieren, diskutiert die EU-KOM mit den Co-Legislatoren einen Verordnungsvorschlag für einen EU Green Bond Standard.

Über die Definition von ESG-Risiken und deren Berücksichtigung im Eigenkapitalregime sowie im aufsichtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozess (SREP) wird intensiv diskutiert. Im aktuell diskutierten Bankenpaket (CRD VI/ CRR III) werden ESG-Risiken erstmals vom europäischen Gesetzgeber definiert. Die EZB stellt zudem die Klima- und Umweltrisiken in den Fokus ihrer diesjährigen thematischen Überprüfung. Seit Januar läuft der Klimarisiko-Stresstest (CST) der EZB, bei dem alle großen EU-Banken (Significant Institutions – SIs) mögliche finanzielle Auswirkungen des Klimawandels bewerten. Die Ergebnisse sollen in aggregierter Form im Juli 2022 veröffentlicht werden.

Anfang 2022 hat die EBA den finalen Entwurf des technischen Durchführungsstandards (ITS) zur ESG-Offenlegung im aufsichtlichen Säule-3-Bericht bekanntgegeben, nach dem große kapitalmarktorientierte CRR-Kreditinstitute erstmals für 2022 Angaben zu ESG-Risiken tätigen müssen. Eine politische Einigung im Trilog zur Novellierung der Richtlinie über die nichtfinanzielle Berichterstattung (NFRD, neu: Corporate Sustainability Reporting Directive, CSRD) wird noch im 1. Halbjahr 2022 erwartet. Die neuen Vorgaben weiten Inhalte und Anwendungsbereich aus und führen eine Pflicht zur inhaltlichen Prüfung ein. Sie werden durch detaillierte Berichtsstandards (Level 2) konkretisiert, die durch die beauftragte Europäische Beratungsgruppe zur Rechnungslegung (EFRAG) derzeit konsultiert werden. Auch der International Sustainability Standards Board (ISSB) konsultiert erste Nachhaltigkeitsberichtsstandards.

In der finanziellen Berichterstattung spielen Finanzinstrumente mit ESG-Bezug zunehmend eine Rolle. Auf Basis der aktuellen Regelungen in dem International Financial Reporting Standard IFRS 9 besteht die Gefahr, dass in Zukunft ein Großteil dieser Bestände nicht mehr zu fortgeführten Anschaffungskosten bewertet werden kann. Die Folge wäre eine Fair-Value-Bewertung mit entsprechender Ergebnisvolatilität.

Außerdem hat die Europäische Kommission Ende Februar 2022 ihren Entwurf für eine EU Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) veröffentlicht.

Unsere Positionen

Wir sprechen uns dafür aus, dass vor dem Hintergrund der aktuellen COVID-19-Pandemie und des Ukraine-Krieges im Rahmen von langfristigen Konjunkturprogrammen Nachhaltigkeitserwägungen zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland aufgegriffen werden sollten. Dies gilt insbesondere für die Stärkung des Gesundheitswesens und die Bereitstellung von klimafreundlichen Infrastrukturen und Leitindustrien.

Wir sehen Bedarf an branchenspezifischen Übergangszeiträumen sowie einer wirtschafts-, umwelt- und fiskalpolitischen Flankierung, damit die Wirtschaft nachhaltig transformiert werden kann.

Wir sind überzeugt, dass einheitliche, wissenschaftsbasierte Standards für nachhaltige Finanzprodukte die Transparenz für Investoren erhöhen, Unklarheiten seitens der Emittenten abbauen und langfristig zum Marktwachstum beitragen. Dem Vorschlag für einen europäischen Green Bond Standard auf freiwilliger Basis stehen wir grundsätzlich sehr positiv gegenüber. Es besteht dennoch Anpassungsbedarf, vor allem hinsichtlich der Vorschriften zum Bestandsschutz („Grandfathering“) von bereits emittierten Finanzinstrumenten.

Wir setzen uns für eine Beachtung der Besonderheiten des deutschen Kreditmarktes im Zusammenhang mit der Entwicklung von Transparenzanforderungen für Banken im Rahmen der Taxonomie ein. Die Aussagekraft der verpflichtenden Taxonomie-Quoten ist aufgrund methodischer Schwächen derzeit stark begrenzt. Wir halten eine zeitnahe Überarbeitung für erforderlich.

Wir begrüßen eine Weiterentwicklung der Taxonomie, vor allem durch die Einbeziehung sozialer Aspekte. Wir sind der Überzeugung, dass ein breiter Nachhaltigkeitsansatz notwendig ist und keine Einengung auf Umwelt- und Klimathemen erfolgen sollte. Vorab sollten jedoch die methodischen Schwächen der Green Asset Ratio behoben werden.

Wir begrüßen die EBA-Position, sich dem Thema ESG-Risiken schrittweise zu nähern; insbesondere setzen wir uns für längere Umsetzungszeiträume ein. Wir weisen auch darauf hin, dass geeignete Verfahren und Methoden noch entwickelt werden und sich Marktstandards herausbilden müssen. Das Ausmaß der aufsichtlichen ESG-Offenlegung soll dem Risikomanagement folgen. Kapitalerleichterungen für grüne Kredite darf es nur auf Grundlage messbar niedriger Risiken geben. Wir unterstützen einen Garantierahmen der Bundesregierung für nachhaltige Finanzierungen.

Wir setzen uns dafür ein, dass die sehr hohe Granularität der EFRAG-Vorschläge für die Offenlegung nach CSRD auf ein sinnvolles Maß reduziert wird. Die Zeitlinie für die CSRD-Umsetzung ist unter Berücksichtigung der Detailtiefe und des Bedarfs der Anpassung interner Prozesse übermäßig ambitioniert. Zudem sollte eine stärkere Anlehnung an internationale Initiativen angestrebt werden.

Wir fordern eine Harmonisierung der Vorgaben für nachhaltige Produkte nach der SFDR und der Delegierten Verordnung zur MiFID II. Die unterschiedliche Ausgestaltung erschwert eine einheitliche Offenlegung und Produktgestaltung. Zudem sollten die unterschiedlichen Anwendungszeitpunkte der genannten Regelwerke verschoben und aufeinander abgestimmt werden, insbesondere da aktuell nicht alle relevanten ESG-Daten rechtzeitig vorliegen werden.

Wir plädieren für ein separates Projekt des International Accounting Standards Board (IASB), das die ESG-Thematik bei Finanzinstrumenten schnellstmöglich aufgreift. Wir schlagen die Überarbeitung der geltenden Bilanzierungsvorgaben dergestalt vor, dass unter bestimmten noch zu definierenden Kriterien auch für Finanzinstrumente mit ESG-Verlinkung eine Bilanzierung zu fortgeführten Anschaffungskosten zulässig ist.